Draußen vor der Tür in Venedig

Nach einem gemütlichen Frühstück mit Brot, Käse, Tomaten, Trauben und Austausch unserer Gedanken zum Erdbeben, brechen wir auf zu unserer ersten Tour durch Venedig. Die Sonne scheint und wir wollen über die Ponte Accademia Richtung Dorsoduro zum Zattere. Ich plane einen Mittagssnack hinter der Accademia in der Bar Toletta, wo es die vielleicht besten Tramezzini in Venedig gibt.

Wir stehen schon unten im Eingangsbereich unseres Hauses, wo es auf der einen Ausgang zur Calle und einen zum Canale gibt. Esther hat etwas vergessen und geht noch einmal hoch in unsere Wohnung. Als sie wenig später wieder herunter kommt, sagt sie „jetzt habe ich uns den Tag verdorben…“ und hält uns einen abgebrochenen Schlüssel entgegen. Der Rest des Schlüssels steckt in der Tür und die Tür ist zu.
Priska, die fließend Italienisch spricht, ruft unsere Kontaktperson in Venedig an. Mailbox. Priska bittet um Rückruf. Wir brechen auf.
In den Gassen San Marcos verlaufen wir uns und stehen plötzlich auf dem Campo Santa Maria Formosa. Priska, die Venedig kennt wie ihre Westentasche, schleppt uns in eine Architekturbibliothek – vorbei am Wärter und ohne Eintritt zu bezahlen. Wir wollen nur eine Information, sagt sie. Sie zeigt uns das Café und ein kleines Fenster zum Canale, wo man sitzen kann und einen wunderbaren Blick hat. Wir nähern uns dem Markusplatz statt der Accademia-Brücke. Nicht schlimm, meint Priska, dann absolvieren wir den Pflichtbesuch am Markusplatz und gehen von da aus zur Accademia. Sie ruft erneut an. Diesmal erreicht sie eine Frau, die nicht zuständig ist, sich aber kümmern will.

Am Dogenpalast wird bewegen dann schwer. Die Massen von gestern sind heute hier. Fliegende Händler verkaufen Selfie-Sticks.
Einen Rückruf haben wir noch immer nicht erhalten. Priska steuert zielgerichtet den Eingangsbereich einer Ausstellung hinter dem Markusplatz an, bittet um WiFi-Zugang und ermittelt auf ihrem iPad die Hotline unserer Vermietungsgesellschaft in Rom. Dort ist jemand erreichbar. Sie erklärt unser Problem und der Mann in Rom verspricht Venedig zu kontaktieren und jemand zur Wohnung zu schicken.

Wir wühlen uns weiter durch die Massen und erreichen irgendwann in der Tat die Accademia, wo wir den Canale Grande überqueren und das Sestiere San Marco verlassen. Ich übernehme die Führung zur Bar Toletta und schlage die falsche Richtung ein. Priska rettet mich, wir finden die Bar, die um die Mittagszeit gut besucht ist. Priska flirtet mit dem Kellner und wenig später haben wir einen Tisch. Bald darauf stehen Tramezzini und Wein bereit und man verzeiht mir, dass ich in die Irre geleitet habe. Die Tramezzini sind göttlich, der Wein ist gut.
Keine Nachricht aus Rom, keine aus Venedig. Priska hängt sich wieder ans Telefon. Mailbox.

Wir gehen hinunter zum Zattere und flanieren in der warmen Nachmittagssonne. venedig_zattere
Zur Punta della Dogana, um Dorsoduros Spitze und wieder hinüber nach San Marco um an der Riva degli Schiavoni einen Spritz zu nehmen.
Priska telefoniert wieder mit sowohl Venedig als auch mit Rom. Niemand kennt den Stand unseres Problems, man versucht uns zu vertrösten. Uns ist klar, bisher ist nichts passiert. Als ihr Akku schwach wird, flirtet Priska mit dem Kellner und darf an der Theke ihr Smartphone anstecken um dort zu telefonieren.

Nun sollen wir zur Wohnung kommen, wo jemand mit uns gemeinsam versuchen will, den Schlüssel mit Hilfe einer Pinzette aus dem Schloss zu ziehen. Wir sind verärgert über die Tatenlosigkeit und skeptisch über die Erfolgsaussichten. Wir erinnern uns daran, dass wir in Italien sind und als wir die Kirche Santa Maria dei Miracoli in der Nähe unserer Wohnung passieren, hoffen wir auf ein Wunder.
Eine Frau kommt mit ihrer Tochter und deren Freund. Die Frau übernimmt die Aufgabe, uns zu beschimpfen, die Tochter hat ein Werkzeugkästchen mit allerlei Instrumenten dabei, die uns vermuten lassen, dass sie nicht zum ersten Mal eine Tür öffnet, der Freund soll  Körpergewalt einsetzen, wenn die Feinarbeit der jungen Frau scheitert.
Es dauert eine Weile, die Spannung steigt. Die Frau wirft uns inzwischen auch noch vor, dass die Heizung zu stark läuft. Aber schließlich zieht die Tochter das abgebrochene Schlüsselstück heraus und wir alle atmen auf. Die Frau verlangt 50 Euro. Priska erklärt ihr freundlich aber bestimmt, das würde sie mit dem Boss in Rom regeln und bietet unseren Helfern einen Caffe an. Sie lehnen ab und ziehen davon. Wir öffnen eine Flasche Wein, kochen Spaghetti und feiern Priska, unsere Heldin des Tages.

Venedig wackelt

Ich bin früh wach, am ersten Morgen in Venedig. In meinem Zimmer ist es stickig und ich öffne das Fenster. Da ich nicht wieder einschlafen kann, beginne ich zu lesen.
Und irgendwann, kurz vor 8 Uhr, bewegt sich plötzlich mein Bett.

Was ist das? Warum bewegt sich mein Bett?
Hat ein Tier – ein Vogel? eine Katze? – durch das offene Fenster den Weg in mein Zimmer gefunden und sich unter mein Bett verirrt? Bringt ein Boot im Kanal das Haus in Bewegung?
Im Wohnzimmer höre ich Stimmen und finde Priska und Susanna bereits über einen iPad gebeugt.
„Es hatte ein Erdbeben“, sagt Priska ganz sachlich.

Wenig später lesen wir, dass in Mittelitalien schon wieder die Erde gebebt hat, um 7:46 Uhr, und dass das Erdbeben eine Stärke von 7,1 auf der Richterskala hatte. Noch ist nicht viel mehr Information zu erhalten.
Am Abend wissen wir, dass es sich um das stärkste Erdbeben in Mittelitalien seit 35 Jahren handelt. Das Epizentrum lag in Umbrien. Die Erschütterungen waren bis nach Rom zu spüren.
Und auch bis nach Venedig.

Ankunft in Venedig

Wir, sechs Frauen, vier Schweizerinnen und zwei Deutsche haben eine Art Workshop geplant. Schreiben wollten wir. Irgendwo, wo es schön ist. Die Wahl fiel auf Venedig. Die Wahlheimat der Frau, über die wir uns kennen gelernt haben – Donna Leon.

Marianne aus Basel und ich reisen auf dem Luftweg an und treffen uns am Flughafen Marco Polo. Die anderen kommen mit dem Zug. Vom Flughafen aus kann man mit einem Expressbus in die Stadt fahren oder mit einem Linienbus. Der Expressbus ist 10 Minuten schneller, der Linienbus erlaubt die Weiterfahrt mit dem Vaporetto in Venedig. Wir wollen zur Ponte de Rialto und entscheiden uns daher für den Linienbus.
Der Bus in den wir einsteigen, ist schon gut gefüllt, fährt aber nicht los. Kann er auch nicht. Er hat einen technischen Defekt. Ein anderer Bus steht aber schnell bereit und wir erreichen in einer knappen halten Stunde den Busbahnhof von Venedig an der Piazzale Roma. Die Vaporetto-Haltestelle ist schnell gefunden. Aber wir kommen nicht rein. Der Ticket-Scanner meldet etwas wie „billete non valido“ und öffnet die Schranke nicht.

Wir konsultieren den Stadtplan. Weit scheint es nicht zu sein, nach Rialto. Also brechen wir zu Fuß auf und schlagen uns mit unseren Koffern durch die Gassen Cannaregios über unzählige Brücken zur Ponte de Rialto durch, wo wir abgeholt werden.
Weit ist es wirklich nicht. Aber das Gedränge ist schlimmer als an einem Samstag in Kölns Fußgängerzone.
Ist die halbe Welt gerade in Venedig???

Am Ende bleiben die Zedern

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Samir kennt die Zedern nur aus Erzählungen. Seine Eltern stammen aus dem Libanon. Sie sind vor dem Krieg geflohen, nach Deutschland. Hier ist Samir geboren und aufgewachsen. Hier ist er zu Hause. Sein Vater erzählt Geschichten. Samir liebt die Geschichten um den Helden Abu Youssef.
Eines Tages verschwindet der Vater. Samir ist acht Jahre alt und seine Welt bricht zusammen. Er bleibt zurück mit der Mutter, der kleinen Schwester Alina und einem Dia, das der Vater ihm anvertraut hat.
Damit endet der erste Teil des Debut-Romans von Pierre Jarawan.

Der zweite Teil erzählt abwechselnd von Samirs Leben nach dem Verschwinden seines Vaters und seiner Suche nach dem Vater, Jahre später, im Libanon. Mit dieser Erzähltechnik gelingt es dem Autor sehr gut, Spannung aufzubauen. Auf beiden Erzählstrecken geschieht viel. Der junge Samir leidet extrem unter dem Verlust des Vaters. Er hat keine Freunde, zieht sich immer mehr zurück. Wird er es schaffen, sich ein Leben aufzubauen?
Im Libanon wird er mit einer fremden Welt konfrontiert. Er sieht die Zedern und taucht ein in die Geschichte des Landes. Er trifft Menschen, die ihm helfen wollen und solche, die genau das versuchen zu verhindern. Wird er seinen Vater finden? Und welches Geheimnis umgibt ihn?

Den Inhalt des dritten Teils will ich nicht wiedergeben. Damit wäre zu viel verraten.

Es ist mir stellenweise schwer gefallen, das Buch aus der Hand zu legen. Ich wollte immer weiterlesen, wollte wissen, was geschieht – hier und dort. Ich wollte wissen, ob Samir seinen Vater findet und warum er damals verschwunden ist. Ein Cliffhanger folgt dem nächsten. Das Buch ist ein Pageturner, wenn man spannende Geschichten und fremde Kulturen mag.
Nicht alles ist wirklich plausibel, bei manchem Bild ist die Farbe zu dick aufgetragen und manche Fügungen scheinen ein bisschen konstruiert. Trotzdem ist es ein faszinierender Roman, zumal für ein Erstlingswerk. Und ganz nebenbei habe ich viel über den Bürgerkrieg im Libanon gelernt – und über die Zedern.

 

Die Interessanten

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In meinem Sommer in New York, 2013, lag der Roman The Interestings in allen Buchhandlungen, auf den Tischen mit Neuerscheinungen, ausgestattet mit Empfehlungskärtchen von Buchhandlungsmitarbeitern. Das Cover war es, das mein Interesse an den Interestings weckte. Spätestens als ich dann im September Meg Wolitzer auf dem Brooklyn Book Festival erleben durfte, machte ich eine mentale Notiz auf meiner Leseliste.

Sechs Teenager treffen sich im Sommer 1974 in einem Sommercamp und geben sich den vielversprechenden Namen „Die Interessanten“. Viele amerikanische  Jugendliche verbringen ihre Sommerferien in einem Sommercamp, aber Spirits-in-the-Woods ist ein besonderes Camp. Künstlerisches Talent wird hier gefördert und es ist ziemlich teuer. Die Protagonistin Jules, die noch Julie heißt, als sie nach dem Tod ihres Vaters mit einem Stipendium ins Camp kommt, ist die einzige in der Gruppe der Interessanten, die nicht aus New York City kommt, sondern aus einer Kleinstadt auf Long Island, aus bescheidenen Verhältnissen. Die anderen sind die Geschwister Ash und Goodman Wolf, deren Vater sein Geld an der Wallstreet macht, Ethan Figman, ein begnadeter Comiczeichner, Jonah Bay, Sohn einer bekannten Folksängerin und Cathy Kiplinger, die das Zeug zur Tänzerin hat.

Die Interessanten verbringen mehrere Sommer in Spirits-in-the-Woods und werden unzertrennlich. Aber das Leben ist kein Sommercamp und hält Konflikte bereit. Bei einer Silvesterfeier geschieht etwas, das Cathy und Goodman für immer aus dem Kreis der Freunde reißt. Cathy zieht sich zurück, gibt das Tanzen auf und macht eine Business-Karriere. Goodman verschwindet. Zurück bleiben Jules, Ash, Ethan und Jonah.
Jonah wird vom Freund seiner Mutter unter Drogen gesetzt. Als er sich dessen bewusst wird, gibt er die Musik auf und bekennt sich zu seiner Homosexualität. Sein Freund hat Aids.
Ethan wird mit seiner Comicserie Figland berühmt und steinreich. Er heiratet Ash, die feministische Theaterstücke inszeniert. Die beiden bereisen die Welt, leben mit Personal in einem Stadthaus im West Village und haben doch Probleme.
Und Jules? Sie gibt den Versuch einer Schauspielerkarriere auf und wird eine geschätzte Therapeutin. Sie heiratet Dennis, einen gutmütigen Ultraschalltechniker, der in eine schlimme Depression verfällt. Die beiden führen einen ständigen Kampf um ihre Existenz.
Die vier – Jules, Dennis, Ash und Ethan – pflegen eine enge Freundschaft, leben aber in extrem unterschiedlichen Welten. Kann das auf Dauer gutgehen?

Der Roman zieht sich über 35 Jahre. Vor dem Hintergrund amerikanischer Geschichte werden die Figuren mit Glück und Unglück, Erfolgen und Tragödien konfrontiert. Meg Wolitzer hat einen Gesellschaftsroman geschrieben. Stellenweise für meinen Geschmack ein bisschen zu episch. Die Kapitel sind tendenziell lang und manchmal möchte man den Figuren das Wort abschneiden und sie bitten, zur Sache zu kommen. Aber sie reden und handeln glaubhaft und man fühlt mit ihnen.

Ein auf jeden Fall lesenswertes Buch für alle, die amerikanische Erzähltradition schätzen.

Anmerkung: Ich habe das englische Original gelesen.

 

Geschichte und Flair in Sonoma

Sonoma, ist ein nettes Städtchen. Wie in Healdsburg ist das Leben um eine Plaza angeordnet, nur ist die Plaza hier etwas größer und gleicht einem Park.


Neben Geschäften, Hotels, Restaurants und Tasting Rooms gibt es auch eine Mission – die nördlichste auf dem Mission Trail und einen State Park mit mehreren historischen Gebäuden.

Ich parke mein Auto hinter der Plaza und spaziere dann gemütlich einmal um die Plaza herum.  In der Cheesefactory verkoste ich Käse und nehme ein Stück „Drunken Goat“ mit. Zum Lunch folge ich Beths Empfehlung und esse bei „The Girl and the Fig“, einem kreativen Weinrestaurant. Zum Salat mit Rucola, Bacon, Ziegenkäse und Feigen trinke ich ein Glas Roussanne, eine mir gänzlich unbekannte weiße Rebsorte. Die sachkundige Kellnerin lobt mich für die gute Wahl.

Nach dem Lunch schaue ich mir die Mission an
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und die verschiedenen Gebäude das Sonoma State Park, Baracken, ein Hotel, ein Gesindehaus.


Das Ticket gilt auch für General Vallejos Haus. Dafür muss man die Plaza verlassen und 10 Minuten Fußmarsch in kauf nehmen oder drei Blocks fahren. Da das Haus auf meinem Nachhauweg liegt, fahre ich. Das Haus ist ein California Landmark und mit Möbeln und Gegenständen aus dem 19. Jahrhundert ausgestattet.
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Zurück in Healdsburg ist dann endlich Wine Tasting angesagt. Beth schleppt mich in einen Tasting Room, wo man umsonst fünf Weine verkosten kann und dazu Käse oder andere Food Pairings serviert bekommt. Der billigste Wein, den man uns präsentiert kostet 34$ pro Flasche. Die Frau, die uns die Weine serviert, ist sachkundig und gibt uns zu jedem Wein Informationen. Beth erweist sich als ebenfalls sachkundig und stellt detaiilierte Fragen. Als wir den Tasting Room wieder verlassen, haben wir eine sündhaft teure Flasche Shiraz in der Tasche, die wir abends zum Lammbraten trinken.
Schlecht geht es mir nicht, hier oben.

Aber morgen muss ich nach Hause. Mein Flug startet am frühen Abend in San Francisco. Wir diskutieren noch wie ich am besten zum Flughafen fahre. Während ich am liebsten einen großen Bogen um San Francisco machen möchte, um nicht durch die Stadt fahren zu müssen, meint Beth ich solle auf jeden Fall straight über die Golden Gate Bridge fahren. Die Strecke durch San Francisco auf der 19th Avenue sei easy  und eben. Sie zeigt es mir auf dem Stadtplan und eigentlich hat sie recht.
Und entscheiden muss ich mich ja erst morgen früh…

Redwoods, Wein und gnadenlose Hitze in und um Healdsburg

Beth hatte den Tag für mich geplant: wir gehen mit dem Hund zum Fluß, fahren dann in den Armstrong Redwoods State Natural Reserve zu den Redwood Trees, dann schauen wir die Innenstadt von Healdsburg an und verkosten ein bisschen Wein. Soweit so gut. Aber es wurde heute noch heißer als gestern.

Im Redwood Park war es angenehm. Die Baume halten die Hitze draußen. Redwoods sind faszinierende Bäume. Sie werden uralt, hoch und dick. Der älteste in diesem Park heißt Colonel Armstrong – 1400 Jahre alt.


Nach den Bäumen verspüren wir Hunger. Beth überlegt eine Weile, dann steuert sie ein Restaurant an, das in Weinbergen liegt. Dort sitzen wir im Garten unter einem Redwood Tree und Sonnenschirmen, essen Sandwiches und trinken Sauvignon Blanc.
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Nach dem Lunch ist die Temperaturspitze von 103°F erreicht. Das entspricht 39,6°C. Zu heiß, um in Healdsburg über die Plaza zu flanieren, meint Beth. Wir fahren eine Weile einfach rum, im gut klimatisierten Auto. Über kurvige Landstraßen nach ins progressive Sebastopol und nach Santa Rosa.

Am späteren Nachmittag wagen wir uns dann doch nach Downtown Healdsburg. Die Temperaturanzeige zeigt immer noch 97°F. Healdsburg ist ein nettes Städtchen mit geschäftigen Straßen um eine Plaza. Es gibt zwei Buchhandlungen, Restaurants und Cafés, Boutiquen, ein Geschäft für Quilt-Stoffe, einen Küchenladen, zahlreiche Galerien, einen Teeladen und den ein oder anderen Laden mit schönen Dingen. Und dies und das.
Lange halten wir uns nicht auf. Es ist einfach immer noch zu heiß.

Zuhause serviert Beth zur Erfrischung Aperol Spritz. Ich fühle mich gut aufgehoben.

Hitzerekord im Napa Valley

Als ich mir heute morgen Gedanken über geeignete Reiseklamotten machte und dazu den Wetterbericht konsultierte, sah ich viele Sonnen und 37°C in Healdsburg, im Sonoma Valley, dem Ziel meiner heutigen Fahrt. Und auch in Berkeley begrüßte mich bereits morgens um 8 Uhr strahlender Sonnenschein.
Glauben wollte ich die 37°C aber nicht. Hatte nicht Ann erst gestern noch gesagt, dass es oben im Wine Country kühler sei und auch im Sommer gelegentlich Regen fällt?

Als ich dann am frühen Nachmittag meinen ersten Stopp in Napa einlegte und aus dem klimatisierten Auto stieg, durchwühlte ich meinen Koffer nach meinem Strohhut. Die Sonne brannte gnadenlos und Schatten gab es weit und breit nicht.

Nach einem Spaziergang durch Napa – das ich mir viel größer vorgestellt hätte – und einem kleinen Lunch mit Eistee statt Wein rollte ich gemächlich auf dem Silverado Trail durch sonnenverbrannte Landschaft  mit Weinbergen und Weingütern.

Der Höhepunkt war unerwartet das winzige Dorf Calistoga am nördlichen Ende des Silverado Trails. Calistoga besteht aus nicht viel mehr als seiner Hauptstraße aber die kann sich wirklich sehen lassen. Es gibt einen alten Bahnhof in dem heute kleine Geschäfte untergebracht sind, im Bahnhofsgebäude und in alten Eisenbahnwagons. Dort kann man Wein verkosten und sich die Zukunft vorhersagen lassen.

Insgesamt wirkt Calistoga ein bisschen wie aus dem wilden Westen übrig geblieben. Neben Wein gibt es heiße Quellen und eine ziemlich große Buchhandlung.

Beth (eine 5W Frau) in Healdsburg hatte ein Barbecue für mich vorbereitet und empfing mich mit Prosecco und Pinot Noir aus dem Russian River Valley. Sie gab mir gleich zu verstehen, dass es ihr wichtig sei, ihre Gäste anständig zu verköstigen…

Kontraste in Berkeley und Oakland

Berkeley und Oakland sind gewissermaßen Twin Cities, wie Minneapolis und Saint Paul in Minnesota. Sie grenzen direkt aneinander, gehen ineinander über. Auf der einen Straßenseite ist noch Berkeley, auf der anderen schon Oakland.
Und doch könnten zwei Städte kaum unterschiedlicher sein als Berkeley und Oakland.

Berkeley ist klein und – abgesehen von Downtown – eine Idylle. Geprägt ist die Stadt von „Cal“, der University of California und Konkurrentin von Stanford.
Ich wohne in North Berkeley, etwa 20 Minuten zu Fuß von Downtown entfernt. In einer Gegend mit durchweg schnuckeligen kleinen Häuschen. Meines ist außen mit Schindeln verkleidet und innen mit gekonnter Hand liebevoll antik dekoriert. Ich fühle mich sehr wohl und gut aufgehoben.


In North Berkeley liegt auch das „Gourmet Ghetto“ von Berkeley. Hier hat zum Beispiel Starköchin Alice Waters ihr Restaurant „Chez Panisse“.
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Downtown Berkeley ist nicht viel mehr als eine Kreuzung von Hauptverkehrsstraßen. Rund um die Subway-Station wird gerade eine Plaza neu gestaltet. Noch sieht man nur einen Bauzaun.
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Der Campus der University of California ist parkartig angelegt und offen zugänglich.

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Oakland ist fast viermal so groß wie Berkeley und gilt als kriminelle Hochburg. Ann fragt mich, was ich denn in Oakland will, als ich sie beim Frühstück frage, wie ich am besten hin komme. Sie schärft mir ein, die Subway nach Downtown Oakland 12 Street zu nehmen und auf gar keinen Fall nach West Oakland zu fahren. Dort gäbe es ständig Schießereien. So fahre ich also mit mulmigem Gefühl nach Downtown Oakland und gehe den Broadway entlang zum Jack London Square an der Waterfront. Was mir direkt auffällt, ist, dass kaum Menschen auf den Straßen unterwegs sind. Ein Schild macht mich auf Old Oakland aufmerksam und ich gehe einen Block nach Westen auf die Washington Street. Dort stehen ein paar nette alte Gebäude, aber eine Ecke weiter gehört die verlassene Straße den Obdachlosen.

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Ich kehre zum Broadway zurück und muss auf dem Weg zum Jack London Square noch unter dem Freeway durchlaufen und die Amtrak-Strecke überqueren. Am Jack London Square herrscht dann das pralle Leben.


Jack London ist der berühmte Sohn der Stadt Oakland.
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Nach Lunch und einem üppigen Becher Ben & Jerry’s finde ich auf dem Rückweg zur Subway dann auch noch das Zentrum von Downtown Oakland – auf der anderen Seite der Subway Station gelegen. Hier stehen architektonisch interessante Gebäude und eine City Hall. Es gibt auch einen Park und eine Buchhandlung. Aber richtig viel los ist auch hier nicht.

Als ich am Abend zum Dinner ins Gourmet Ghetto aufbreche, gehen vor dem Haus Rehe spazieren. Oder Hirsche,  keine Ahnung. Eine Mutter mit zwei Kitzen. Ann sagt, sie kämen immer in die Gärten, auf der Suche nach Futter.
Als ich später nach Hause laufe, wird mir auch in Berkeley etwas unbehaglich. Die Straßen sind fast stockfinster. Die wenigen Straßenlampen sind Funzeln. Man geht auch hier nicht zu Fuß. Wozu hat man ein Auto.

 

Überraschungen im Silicon Valley

Ich war neugierig auf das Silicon Valley. Touristische Highlights hatte ich nicht erwartet, aber ich wollte mit den Campus der Stanford University ansehen, einen Blick werfen auf den Googleplex und andere Headquarters der Firmen, deren Produkte man so benutzt und einen Eindruck bekommen, wie das Silicon Valley eigentlich so aussieht.

Meine Erkundungen im Valley konnte ich mit einem Besuch bei Steffi verbinden, einer Bekannten aus Köln, die zur Zeit in Googletown Mountain View an der Deutschen Internationalen Schule als Lehrerin arbeitet. Ich konnte bei ihr übernachten, wir besuchten zusammen Stanford,

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sie führte mich durch Downtown Palo Alto


und Downtown Mountain View, geleitete mich clever durch den Feierabendverkehr im Valley und gab mir interessante Einblicke in das Leben dort.
Menschen aus aller Welt leben und arbeiten im Silicon Valley, für ein paar Wochen oder auf Dauer. Das prägt die Städte stark. Nachmittags und abends herrscht ein buntes Treiben in den Zentren. Es gibt ein deutsches Bierhaus und französische Cafés. Man kann hier sogar Lebensmittel in den Innenstädten einkaufen.
Und es gibt die deutsche Schule, die Schüler aus vielen Ländern unterrichtet. Das deutsche Abitur wird zunehmend auch bei Amerikanern interessant. Bietet es doch die Möglichkeit zum kostenlosten Studium in Deutschland.
Wohnen ist extrem teuer im Valley. In Mountain View stehen unzählige Apartment-Anlagen, die aussehen wie Motels.
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Sie haben einen Pool und zu jeder Wohnung gibt es einen Parkplatz. Die Ausstattung ist basic, die Wände sind dünn. Steffi meint, beim nächsten Erdbeben bricht das alles zusammen. Aber die Mieten sind exorbitant und sie werden gezahlt.

Auf Mountain Views Straßen sieht man kleine Fahrzeuge, die aussehen, wie Halbkugeln. Sie sind weiß und haben einen schwarzen Knubbel auf dem Dach. Googles self driving cars. Knuffig sehen sie aus. Ob ich einem solchen Ding vertrauen würde, weiß ich nicht. Mountain View ist Versuchsgelände für die Technologie. Google ist natürlich nicht nur mit den Autos präsent in Mountain View. Der Google Campus ist eine Stadt in der Stadt. Immer wieder sieht man Fahrräder in Google-Farben, mit denen die Mitarbeiter sich zwischen den Gebäuden bewegen. Meine Vorstellung, einfach mal um Google herumzulaufen und zumindest Fotos vom Googleplex zu schießen, geht nicht auf. Es gelingt mir ganz schlicht nicht, mein Auto in der Nähe zu parken.
Ok, wenn ich etwas besser gegoogelt hätte, hätte ich wissen können, dass Google inzwischen einen Visitor Parking hat und man Teile des Campus sogar besuchen kann…

Ich konnte mir aber auch nicht beliebig viel Zeit nehmen. Steffi hatte mir geraten, unbedingt vor 1 pm auf dem Freeway zu sein, sonst könnte ich gut und gerne den Nachmittag in irgendeinem Stau der Bay Area verbringen. So umrunde ich den Googleplex nur einmal und entschließe mich dann spontan, den Freeway Entry zu nutzen, der gerade vor mir liegt. Vom Freeway aus kann ich dann noch einen Blick auf Facebook werfen, bevor ich die Bay auf der Dumbarton Bridge überquere und südlich von Oakland direkt vor einer Vollsperrung mit viel Blaulicht auf der Interstate 880 lande und – vielleicht deswegen – relativ ungehindert nach Berkeley rollen kann.